Burschenschaft: Die Bewegung für ein demokratisches Deutschland

Im Jahr 1815 gründeten Studenten in Jena die Burschenschaft. Sie waren aus den Freiheitskriegen gegen Napoleon mit dem Wunsch nach einem vereinten und damit demokratischen Deutschland zurückgekehrt. Diese Studenten sahen die Verantwortung des Einzelnen gegenüber seinen Mitmenschen. Sie verlangten die Einheit des Deutschen Volkes statt der Kleinstaaterei, mit deren Hilfe das Selbstbestimmungsrecht unterdrückt wurde. Diesen Studenten war bewußt, daß wirkliche Überzeugungskraft nur aus einer eigenen inneren Freiheit, einer sittlichen und ehrenhaften Persönlichkeit erwachsen könnte. Mit ihrem Leitspruch „Ehre, Freiheit, Vaterland“ wollten sie dies zum Ausdruck bringen. Die Farben der Burschenschaft, Schwarz-Rot-Gold, stehen für die demokratische Tradition in Deutschland. Sie sind heute die Farben der deutschen Nation. Nach den Revolutionstagen im März 1848 wollten nun auch Studenten aus Hannover in Göttingen diese Ziele geschlossen nach außen hin vertreten und gründeten am 13.5.1848 die Burschenschaft Hannovera.

Gemeinschaft

Warum muß nun Übereinstimmung in Weltanschauungsfragen zu solch einer offiziellen Vereinigung wie einer Burschenschaft führen?

Unsere Gründungsburschen sahen diesen Widerspruch aus Freiheit und Verbindung nicht, sondern setzten ihr Studium und zukünftiges Leben zusätzlich unter das Motto "Freiheit durch Einigkeit". Ehrenhaftes, vor sich selbst verantwortbares Handeln, Einsatz für allgemeine Freiheit und Eintreten für das Vaterland waren früher und sind auch noch heute solch große verantwortungsvolle Aufgaben, daß sie der Einzelne allein nur schwerlich erfüllen kann.


Barrikadenkämpfe in Berlin, 1848. In diesem Jahr wurde auch die Hannovera gegründet.

Lebensbund

Nur die Gewißheit, Freunde zu jeder Zeit und in allen Lebenslagen zu besitzen, kann dabei unterstützend sein. Dieser Notwendigkeit entspricht unser Lebensbundprinzip, das die Bundesbrüder vom Studium an, das Berufsleben hindurch, bis zum Alter miteinander verbindet.

Studium

Das Lebensbundprinzip unterscheidet uns von normalen studentischen Gruppierungen, die eben nur aus studierenden Mitgliedern bestehen. Nun nützt das Bekenntnis zu hehren Wahlsprüchen und treuer Freundschaft wenig, wenn es nicht durch Arbeit und Leistung seine Berechtigung erfährt. Ziel und Zweck unserer Studienjahre ist also die wissenschaftliche Ausbildung. Das berechtigte Streben nach einem möglichst guten und schnellen Studienabschluß wird jedoch dem humanistischen Ansatz der deutschen Universität allein nicht gerecht. Diesem Gedanken der universellen Bildung versuchen wir in unserem Semesterprogramm mit Vorträgen von Referenten unterschiedlicher Fakultäten zu entsprechen. Überfüllte Universitäten, Wohnungsnot und finanzielle Unsicherheit während des Studiums führen zu Anonymität und verleiten nur allzuleicht zu Egoismus. Dagegen stellen wir unser Bundesleben, weil Selbstsucht dem natürlichen Wesen des Menschen widerspricht und das Wohl aller gefährdet.

Demokratie lernen: Der Convent

Bekenntnis zur Demokratie allein sichert noch nicht die Freiheit, das Selbst- und Mitbestimmungsrecht des einzelnen. Geduld des Zuhörens, Respekt vor dem Gegenüber und Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen werden keinem in die Wiege gelegt, sondern erlernt jeder nur durch Erfahren und Begreifen.

Deshalb treffen wir in der Burschenschaft Hannovera alle Entscheidungen auf basisdemokratischen Versammlungen unserer Mitglieder, den Conventen. Hier entscheiden wir über alle Fragen des Bundes nach demokratischen Spielregeln, jeder hat das Recht, auf diesen Conventen seine Meinung zu äußern, aber auch die Pflicht, die Entscheidungen der Mehrheit zu akzeptieren.


Unser Haus in der Herzberger Landstr. 9

Lebendige Tradition

Seit über 160 Jahren leben und feiern Studenten in der Burschenschaft Hannovera zusammen. Bis 1908, als wir unser Haus in der Herzberger Landstraße 9 kauften, trafen sich unsere Vorgänger nach dem Studium in den Kneipen Göttingens. So war es nur folgerichtig, daß sie die Veranstaltungen geselliger Art auf dem Haus weiterhin Kneipe nannten. Damit dies zu einem schönen Erlebnis für alle beteiligten Bundesbrüder wurde und sich nicht einige auf Kosten der anderen amüsierten, entstanden bestimmte Regeln, nach denen wir diese Veranstaltungen, wie zu Semesteranfang oder -ende, gemeinsam feiern und uns aus guter Erfahrung auch weiter daran halten.


Nicht jeder ist so tolerant wie wir.

Farbe tragen, Farbe bekennen

Jede Bewegung besitzt ihre Farben und Symbole. Diese sollen Grundlagen und Ziele entweder veranschaulichen oder sinnbildlich darstellen. Deshalb tragen wir mit Band und Mütze unsere Farben grün-weiß-rot. Diese Farben stehen für unsere Vorstellungen und Ziele, für die Prinzipien der Burschenschaft Hannovera. Auf unserem Haus und bei unseren Veranstaltungen tragen wir unser grün-weiß-rotes Band als Zeichen unserer Verbundenheit.

Die Mensur

Das studentische Fechten, wir nennen es Mensur, gehört auch zur Tradition der Burschenschaft Hannovera. Es eignet sich als erzieherisches Mittel zur Selbstbeherrschung und Persönlichkeitsbewährung. Und nicht zuletzt schweißt es die Bundesbrüder zusammen.

Die Hannovera schlägt fakultativ. Das bedeutet, daß bei uns zwar jeder das Fechten erlernt, aber selbst entscheidet, ob er sich letztlich tatsächlich auf Mensur stellen will. Allerdings sind es nur wenige, die darauf noch verzichten wollen, nachdem sie einmal eine studentische Mensur miterlebt haben.

Politik und Gesellschaft

Die Burschenschaft Hannovera erwartet von ihren Bundesbrüdern, daß sie verantwortlich am politischen Leben teilnehmen. Nur so können wir unseren Wahlsprüchen gerecht werden. Nicht die politische Richtung oder Meinung ist bei uns vorgeschrieben, sondern das Bemühen, seinen Standpunkt nach demokratischen Regeln zu vertreten. Neben der Teilnahme am allgemeinen politischen Leben ist dies vor allem das Eintreten für das Selbstbestimmungsrecht der Völker, insbesondere das der Deutschen, was uns als Burschenschafter auszeichnet. Aus der Verantwortung für unser freies Vaterland bekennen wir uns zur wehrhaften Demokratie. Politischen Extremismus in jedweger Form lehnen wir ab.

Füxe, Burschen und Alte Herren

Das Zusammenleben in der Burschenschaft Hannovera verlangt von den Bundesbrüdern, Verantwortung für sich und die Gemeinschaft zu übernehmen. Dies können wir natürlich nicht von jungen neu eingetretenen Bundesbrüdern, den Füxen, erwarten, da sie in der Regel mit völlig fremden Menschen zusammentreffen und gegenseitiges Vertrauen erst entstehen muß. Aus diesem Grunde geben wir den neu eingetretenen Bundesbrüdern die Möglichkeit, in ihren ersten Aktivenwochen unseren Bund mit all seinen Rechten und Pflichten kennenzulernen, und die Möglichkeit, bei Nichtgefallen wiederauszutreten, ohne daß dadurch unsere Gemeinschaft Schaden nimmt.

Haben wir aber den jungen Bundesbruder kennen und schätzen gelernt, und hat auch er Sinn und Zweck der Burschenschaft Hannovera verstanden, bekommt er als Bursche alle Rechte unser Bundesleben mitzugestalten, ebenso wie die dazugehörigen Pflichten.

Unserem Lebensbundprinzip entspricht es, daß die feste Gemeinschaft von Gleichgesinnten die Studienzeit überdauert. Als Alte Herren tragen die Bundesbrüder entsprechend ihren Möglichkeiten zum Bestehen und Unterhalt des Bundes bei. Die Alten Herren profitieren dabei von Impulsen der jungen Aktiven, und diese von den Erfahrungen der Alten Herren.